Widerstand und Widerspruch

Über das Verschwinden weißer Kreuze und das Auferstehen toter Symbole.

Eine Woche vor dem 25. Jahrestag des Falls der innerdeutschen Mauer, hat das ‚Zentrum für politische Schönheit‘ (ZPS) im Berliner Regierungsviertel die Installation ‚Weiße Kreuze‘ demontiert. Die Kreuze hätten „kollektiv die Flucht vor den Gedenkfeierlichkeiten zu ’25 Jahren Mauerfall‘ ergriffen“, hieß es von Seiten der Künstler. Inzwischen sind die Kreuze wieder an ihrem Platz am Ufer der Spree angekommen und wurden während ihrer Abwesenheit sogar restauriert. Bereits im Jahr 1971 von einem privaten Berliner Bürgerverein als Ort des Gedenkens errichtet, mahnen sie zum Erinnern an die Menschen, die beim Versuch die innerdeutsche Grenze zu überwinden, ums Leben kamen. Als sie dann plötzlich aus ihren Fassungen verschwanden, formulierten ihre Leerstellen die Frage nach der Erinnerung neu. Am wenigsten reflektieren wir oftmals genau über die Dinge, von denen wir meinen am meisten zu wissen. Selbstgefälligkeit formt den Boden der Stagnation. Was genau bedeutet es überhaupt zu Erinnern und welche Verantwortung für unser Handeln erwächst daraus?
Klar ist: erst Erinnern erschafft Identitäten und Gegenwart.

Mit exakt dieser Frage, also welche Handlungsverpflichtung aus dem durch die Kreuze initiierten Akt des Erinnerns folgt, beschäftigte sich bereits im Jahr 2003 der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Nachdem die Kreuze wegen städtischer Bauarbeiten bereits mehrmals innerhalb Berlins umziehen mussten, kehrten sie am 17. Juni 2003 wieder an das Berliner Reichstagufer zurück. In seiner Ansprache zur Wiederaufstellung der Mauerkreuze formuliert Thierse:

„Denn jedes Gedenken schafft Verpflichtungen, ruft zum Handeln auf – gegen Unfreiheit, Unterdrückung und Gewalt. Wer die „Weißen Kreuze“ besucht, ihre Geschichte erfährt und um die Ermordeten trauert, denkt zugleich an tödliche Grenzen in anderen Teilen der Welt, an Unterdrückung, Entmündigung, Verletzung von Menschenrechten in vielen Teilen unserer Erde. Die „Weißen Kreuze“ rufen auf zum Einsatz für die Freiheit – jeden von uns, jeden Tag nicht nur in Deutschland, sondern überall dort, wo sie den Menschen vorenthalten wird. Die Unterdrückungsmechanismen, die zu Gedenkorten wie diesem führen, dürfen keine Zukunft haben – nirgendwo auf der Welt.“

Die Realität jedoch, sieht anders aus. Anstatt Grenzen zu öffnen, treiben die Staaten der Europäischen Union die Sicherung der europäischen Außengrenzen radikal voran, während die Zahl der Flüchtlinge zunehmend steigt. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind derzeit etwa 13,6 Millionen Menschen infolge der Bürgerkriege im Irak und in Syrien auf der Flucht. Im Zuge des nahenden Winters warnt Nahost-Direktor Amin Awad – eine weitere ungehörte Stimme – vor einer Verschlimmerung der humanitären Lage und sagt: „Andere Länder der Welt, vor allem die europäischen, sollten ihre Grenzen öffnen und einen Teil der Last auf sich nehmen.“ Auch diese Kriege tragen dazu bei, dass die Anzahl der Menschen, die versuchen die Grenzen der EU auf illegale Weise zu überschreiten, drastisch steigt. Illegal bedeutet in diesem Fall, ohne gültige Ausweispapiere und Visum. So haben nach Angaben von Amnesty International im Jahr 2014 bereits über 180.000 Flüchtlinge versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration kamen in dem gleichen Zeitraum über 3.000 Menschen bei diesem Versuch ums Leben. Die vermutete Dunkelziffer liegt um ein vielfaches höher. Nun wurde auch das Geld zur Rettung dieser Flüchtlinge dramatisch gekürzt. Die kurz nach der Katastrophe von Lampedusa vom 03. Oktober 2013 in Kraft getretene italienische Operation „Mare Nostrum“ ist zum 01. November 2014 ausgelaufen. Die europäische Agentur „Frontex“ hat mit der Operation „Triton“, die Koordinierung der Überwachung und Sicherung des Mittelmeerraumes übernommen. Doch während „Mare Nostrum“ über ein monatliches Budget von 9,3 Millionen Euro verfügen konnte, stehen „Triton“ lediglich 2,9 Millionen Euro zur Verfügung. Die Agentur selbst erklärt in einem Papier ausdrücklich, dass weder die finanziellen Mittel, noch das Mandat reichten, um Rettungsaktionen nach dem Vorbild von „Mare Nostrum“ durchzuführen. Das bedeutet auch, dass EU Rettungsaktionen nur noch im Küstenbereich realisierbar sind; der Hochseebereich wird zur Grauzone erklärt.

In Deutschland blieb das Verschwinden der Kreuze unbemerkt, bis ihre Entführer, die sich auch „Sturmtruppe gegen die Unmenschlichkeit“ nennen, dieses in einer Pressemitteilung selbst bekannt gaben. Sie hatten die weißen Kreuze an die Außengrenzen Europas gebracht. Nach Spanien, Bulgarien, Griechenland. Dorthin wo unbemerkt, oder auch stillschweigend anerkannt, neue Mauern auf europäischem Boden gebaut werden – unter Bruch des internationalen Völkerrechts. Dorthin wo acht Meter hohe Stacheldrahtzäune und selbstsprühende Pfeffersprayvorrichtungen Menschen davon abhalten die Grenze nach Europa zu überschreiten. Dorthin wo Menschen an neu errichteten Grenzvorrichtungen sterben, während einige Tausend Kilometer weiter die Öffnung einer Grenze gefeiert wird. Das ZPS hat die Stimme im Namen der Toten beansprucht und verkündet, die Mauertoten seien „in einem Akt der Solidarität zu ihren Brüdern und Schwestern […] zu den zukünftigen Mauertoten“ geflüchtet.

Diese Flucht der national beanspruchten Erinnerungssymbole brachte unausgesprochene Grenzen ans Licht. Nachdem ihr Verschwinden bekannt geworden war, begann in der Öffentlichkeit die Diskussion, ob die Toten der innerdeutschen Mauer, die auch durch aktiven Schießbefehl der Grenzsoldaten gezielt ermordet wurden, mit den Toten an den europäischen Stacheldrahtmauern zu vergleichen seien. Denn in diesem Fall gibt es natürlich keinen aktiven Schießbefehl. In der Welt schrieb Mathias Heine: „es wird so getan, als hätte Angela Merkel einen Schießbefehl erlassen, und die Flüchtlingsschiffe vor Lampedusa würden von EU-Grenzern versenkt.“ Außerdem wurde von Instrumentalisierung der Toten gesprochen und davon, dass man die Würde der Opfer mit Füßen trete. Innensenator Frank Henkel (CDU) ging in seiner Kritik soweit, von einer „verabscheuungswürdigen Tat“ zu sprechen. Außerdem unterstellte er dem Maxim Gorki Theater Komplizenschaft und fordert Konsequenzen für das Theater. Hier müssen wir ganz klar zwischen der Empörung der Hinterbliebenen und Opfer und der durch die Medien verbreiteten Empörung unterscheiden. Die Empörung der Hinterbliebenen und Opfer muss unbedingt gehört und anerkannt werden. Jeder der auf den Kreuzen genannten Namen, steht für ein ganz persönliches Schicksal. Keines davon darf in seinem individuellen Wert geschmälert werden. Gleichzeitig jedoch kann der Mensch seine Individualität immer nur in und aus der Gemeinschaft heraus leben. Ebenso wie im Leid eines Einzelnen bereits das Leid der gesamten Welt enthalten ist.

Es ist nun einmal so, dass die Schicksale Einzelner als politische Symbole zur Generierung kultureller Identitäten genutzt werden und damit weit über sich selbst hinausgehen. Damit kommen wir zur anderen Form der Empörung; zur Empörung derer, die bestehende Denkmuster aufrecht erhalten wollen. Dieser öffentliche Unmut richtet sich dagegen, dass die Kreuze in einen neuen (Denk-)Raum gesetzt wurden. Er resultiert daraus, dass wir Anspruch erheben auf die inhaltliche Bedeutung ihrer Symbolik. In ihrer Funktion als Symbole haben wir die Mauertoten zuerst instrumentalisiert – als Helden des deutschen Volkes.

Doch Symbole dienen in ihrer Funktion als Sinnbilder genau dazu, übergeordnete Sinnzusammenhänge anzudeuten; nicht Festzulegen, wie wir es mit Worten und Definitionen und auch Staatsgrenzen machen, sondern die Diskurse lebendig zu halten. Wenn wir erinnern, rekonstruieren wir nicht das Bild einer bestehenden Geschichte. Sondern wir schaffen sie mit jedem Mal neu – und damit auch uns. Materie lebt und Erinnern ist ein Geburtsprozess.

Aber die weißen Kreuze der Mauertoten sind in den letzten Jahren zu Bewachern toter Erinnerungshüllen zerfallen. Um dem Leid dieser Opfer wahren Respekt zu zollen, ist es unsere Pflicht, dieses Leid zu vergegenwärtigen; es also unter den Bedingungen unserer Gegenwart, wieder neu zu Denken. Indem ich der 30.000 Toten gedenke, die in den letzten 25 Jahren an den Außengrenzen der EU gestorben sind, und den 3.000 Menschen, die allein in diesem Jahr im Bermudadreieck Mittelmeer verschwanden, gedenke ich ebenso der Ermordeten der innerdeutschen Grenze. Aber ich gedenke der Menschen, aufgrund ihres Schicksals als Vertriebene, Ermordete, Hoffnungs- und Staatenlose, politisch und religiös Verfolgte, und nicht wegen ihrer Bedeutung als Funktionsträger nationaler Erinnerung. Aus diesem Grunde fürchten sich auch viele vor der Erinnerung, denn sie stellt die Frage nach der Zugehörigkeit neu. Und daher vielleicht auch die Luftballons, um den Verlauf der Mauer nachzustellen. „Die Orte des Gedenkens werden zu Orten des Verdrängens, wenn wir nicht handeln und das Glück des historischen Tages vor 25 Jahren nur in bedrohlich-banalen Gedenkveranstaltungen konservieren.“, formuliert André Leipold vom ZPS.

Den Künstlern vom ZPS wird weiterhin vorgeworfen, sie ästhetisierten politische Missstände und würden sie zu einem mediellen Spektakel verkommen lassen. Diesen Vorwurf in einer Zeit zu erheben, in der die professionelle Gestaltung von Images zum Tagesalltag gehört, verdeutlicht umso mehr die heuchlerischen Inkonsequenzen unseres eigenen Denkens.

Widerstand ist vorbei, sie müssen Widersprüchlichkeit erzeugen.“, beschrieb Christoph Schlingensief im Jahr 2000 die Hintergründe zu seiner Aktion „Bitte liebt Österreich“. 12 Asylbewerber hatte er dafür in einen Container mitten auf dem Wiener Marktplatz gesperrt. Rund um die Uhr wurden sie gefilmt. Jeder ihrer verstörten Blicke wurde live-übertragen zum Teil einer Theaterinszenierung à la ‚Big Brother‘. Allabendlich durfte das wohlgesittete Wiener Neobiedermeiertum den Richter spielen und sich in einem Akt kollektiver Selbstfindung vom ‚Fremden‘ abgrenzen, indem es zwei Kandidaten auswählen konnte, die zurück in ihre Heimat geschickt werden sollten. Der Gewinner des Selektionsprozesses konnte auf einen Geldgewinn und, falls sich über die Show auch zufällig ein Freiwilliger zum Einheiraten finden ließe, zumindest auf die Möglichkeit einer Einbürgerung hoffen. Zynisch, polemisch und vor allem widersprüchlich hat Christoph Schlingensief das Selbstverständnis einer Privat-Gesellschaft, deren moralischer Horizont kurz hinter dem eigenen Sofa endet, selbst zur Schaubühne gemacht.

Um Widersprüchlichkeit geht es auch im Fall der entführten Kreuze. Die Aktion reizt und polarisiert – und das ganz bewusst. Indem die Aktionen „Bitte liebt Österreich“ und „Erster Europäischer Mauerfall“ die Kunst aus ihren abgeschlossenen Hoheitsräumen, den Theatern und Museen, hinausholen, beschreiten sie einen neuen Weg. Durch ihre „hyperreellen Inszenierungen“, die sie mitten im Kriegsschauplatz unserer Realitäten ansiedeln, führen sie uns die Paradoxie unserer eigenen Wertvorstellungen und der gesellschaftlichen Ordnung nicht nur vor Augen, sondern lassen uns diese am eigenen Körper erfahren, indem unsere Vorurteile, wie auch unser Handeln und wir selbst zu Teilen des Bühnenspiels werden. Damit sehen wir uns einem radikal neuen Ansatz politischer Kunst gegenüber; dem Versuch, Kunst wieder lebendig werden zu lassen. Indem die weißen Kreuze „zu den zukünftigen Mauertoten“ flüchten, zeigen sie, dass wir es nicht mehr hinnehmen, den Zustand der Welt als einen bereits abgestorbenen zu betrachten, und die zukünftigen Toten als bereits Gestorbene zu akzeptieren, sondern, dass eine neue Wende möglich ist.

Ebenfalls im Berliner Regierungsviertel trägt ein Stein die Inschrift eines Zitats von Joseph Beuys:

Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität, die einzige revolutionäre Kraft ist die Kunst.

pp, Berlin, 14.11.2014

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